6. Oktober – Nach Hawzien und May Megelta

Morgens wieder Frühstück in der Community Lodge. Heute haben wir nur einen Esel, dennoch zwei Treiber. Jeder von ihnen schultert noch einen kleinen Rucksack.
Die Wanderung durch das Tal ist interessant, aber im Vergleich zu gestern eher unspektakulär.

Am Wegesrand sehen wir erstmals ein Teff-Feld von ganz nahem. Es ist schon erstaunlich, dass hier in Äthiopien so viele Feldfrüchte ohne Gluten angebaut werden: Teff, bekanntlich eine Hirse-Art, Sorghum, Linsen. Die äthiopische Regierung hat übrigens den Export von Teff untersagt, weil sie befürchtet, dass westliche Industrieländer Teff als „Superfood“ entdecken und die Versorgung der eigenen Bevölkerung leidet.

In dem Ort Idaga Arbi treffen wir unseren Fahrer, der uns zunächst nach Hawzien bringen soll. Mit Hannibals Hilfe haben wir vereinbart, dass wir – statt eine Felsenkirche zu besichtigen – nach May Megelta fahren werden.
Dort hatten Wendelin, Chris und Kordula 1991 für eine kurze Schulfernseh-Dokumentation gedreht. Als Protagonisten waren sie Haile, dem 15-jährigen Sohn eines Bauern gefolgt, der die Kühe und Schafe der Famile hüten musste.
Nun wollen wir nach May Megelta, um zu sehen, was sich seitdem verändert hat. Von Hawzien aus fahren wir bis zur Kreuzung mit der Hauptstraße von Mekele nach Adigrat. Dann geht es noch ein paar Kilometer nach Norden und wir sind in May Megelta. Wendelin erkennt nichts.
Wir halten an einem kleinen Laden am Ortseingang. Davor sitzt ein alter Mann. Nach kurzer Debatte holen wir den PC heraus und zeigen Teile des Films.

„Ja, klar!“ – der alte Mann kennt das Haus und auch die Menschen in dem Video. Gespannt folgen wir ihm eine kleine, unasphaltierte Straße entlang. Schließlich steigen wir durch eine Baustelle hindurch – und das Haus, an dem Chris, Kordula und Wendelin vor 27 Jahren gedreht haben, liegt direkt vor uns.

Das Haus im Film von 1991
Das Haus 2018

Wir lassen den alten Mann vorgehen. Er klopft an. Zuerst kommt eine alte Frau heraus und gleich darauf auch der Vater von Haile.
Tatsächlich! Sie erinnern sich an alles. Wie gedreht wurde, dass wir ihnen damals Geld dagelassen hatten. Wendelin sei deutlich älter geworden, meint der alte Mann.
Ja, Haile sei dann zur Schule gegangen. Für die weiterführende Schule hätte es nicht gereicht. Jetzt ist der einzige Sohn hier der Bauer, er sorgt für Vater und Mutter. Er hat geheiratet und vier Kinder – zwei können wir begrüßen und ein Foto machen. Schade – Haile ist mit Frau auf dem Markt. Ihn werden wir heute nicht treffen. Aber das Foto mit Vater und Mutter ist bewegend. Auch Hannibal ist ganz begeistert.

Wir zeigen den alten Menschen den Film, Hailes Vater erkennt auch die Szenen, die wir damals im Haus gedreht haben. Schließlich verabschieden wir uns, bedanken uns – auch mit einer kleinen, willkommenen Spende – und laufen zurück zum Wagen.

Zurück in Hawzien sind wir allerdings ziemlich platt. Besonders Annette leidet unter der Darminfektion.
Das Vision Hotel stellt sich im übrigen als Fehlgriff heraus: Eine Incentive-Veranstaltung für Angestellte einer niederländischen NGO aus der Nähe von Shire macht Lärm. Angeblich soll um 10:30 Schicht sein. Bis dahin mindestens 90 dBa.

 

 

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